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Tabu und Ritual - Religiöse Zwänge

  • vor 2 Tagen
  • 13 Min. Lesezeit

von Burkhard Ciupka-Schön

 

Schwerpunkt dieses Artikels sind „Religiöse Zwänge“, die wohl etwas aus der „Mode“ gekommen sind, weil Therapeuten sich häufig nicht zuständig fühlen und in der Forschung und Literatur sind religiöse Zwänge bisher ignoriert worden. Betroffene, die unter den bekannteren Zwängen leiden sagen häufig auch, dass sie die „Religiösen Zwänge“ irgendwie nicht verstehen würden und dass sie damit nichts anfangen wüssten. Viele Betroffene mit „Religiösen Zwang“ verweilen dann häufig in Isolation oder bei einem Geistlichen, der vergeblich versucht durch theologische Klärung oder im schlimmsten Fall durch Exorzismus den Zwang in den Griff zu bekommen.

Dabei ist der „Religiöse Zwang“ ein ganz normaler Zwang mit den gleichen kognitiven Elementen, die wir bereits beim Teufelskreis Zwang vorgestellt haben. Entsprechend gelten hier auch die gleichen therapeutischen Empfehlungen wie verhaltenstherapeutische Exposition, Medikation und Achtsamkeit.

„Religiöse Zwänge“ bewegen sich vorrangig um die Vermeidung von „Schuld“ und weisen damit eine große Verwandtschaft mit moralischen und sexuellen Zwängen sowie mit Kontrollzwängen auf. Wenn zwanghafte Waschungen zur Neutralisierung von „Schuld“ dienen, können auch diese in den Kreis eines religiösen Zwangssystems rücken.

Die Begriffe Tabu und Ritual stammen aus der religiösen Welt und haben eine synonyme Bedeutung wie zwanghafte Vermeidung und Zwangshandlung. Die Grenzen zwischen einem gesunden Tabu und einer zwanghaften Vermeidung und zwischen einem Ritual und einem Zwangsritual bedürfen einer genauen Unterscheidung.

Definition: Religiöse Zwänge drehen sich inhaltlich um die Angst vor Schuldgefühlen durch Fehlverhalten, dessen schlimmste Katastrophe in der Strafe und Verdammnis durch Gott gesehen wird. Vermeintliches Mittel gegen die Anspannung „Schuld“ ist zwanghafte Vermeidung/Tabu und Zwangsrituale wie exzessive Waschungen, Gebete…… und Rückversicherung durch Angehörige und Geistliche

Es gibt nach aktueller Forschung 3,8 % Zwangskranke in der Bevölkerung, was einer Anzahl von ca. 2 Millionen Deutschen entspricht. Nach Foah & Kozak verfügen 5,9% der Zwangskranken über eine religiöse Thematik. Nach einer eigenen Auswertung wären es sogar 8,4%, womit wir rechnerisch 11800 Personen zählen, eine überraschend hohe Anzahl, die es unverständlich macht, dass zu diesem Thema kaum Forschung oder Literatur zu finden ist.

 

Mit einer Häufigkeit von 3,8% ist die Zwangsstörung eine der häufigsten psychischen Störungen, die aber nach wie vor ein Schattendasein führt, weil Scham und Schuld zentrale Gefühle der Zwangsstörung und insbesondere der Religiösen Zwänge sind. Dies hat die Konsequenz, dass Betroffene ihre Zwänge verheimlichen.

Zwänge äußern sich in einer verwirrenden Vielfalt, lassen sich aber in Kategorien einteilen, was eine bessere Klarheit vermittelt. Eine sehr sinnvolle Einteilung richtet sich nach der Qualität der negativen Spannungen:

Hort- und Sammelzwänge sowie Zählzwänge dienen in erster Linie zur Vermeidung einer negativen Anspannung, die wir auch das Gefühl von „Unvollständigkeit“ nennen können.

Zwanghafte Kontrollen dienen meistens dazu, die „Schuld“ für die Verursachung von Katastrophen abzuwenden.

Sexuelle Zwänge, beispielsweise, die Angst eine pädophile oder homosexuelle Orientierung zu besitzen, haben wohl ebenfalls mit den Gefühlen „Scham“ und „Schuld“ aber häufig auch mit „Ekel“ zu tun.

Wasch-, Dusch- und Reinigungszwänge finden wir in erster Linie im Zusammenhang mit der Neutralisierung des Gefühls „Ekel“.

 

Für viele verblüffend ist die Erkenntnis, dass exzessives Waschen auch im Zusammenhang mit der Neutralisierung des Gefühls „Schuld“ und damit auch mit religiösen Zwängen stehen kann. Die hohe Bedeutung von „Schuld“ teilen religiöse Zwänge mit sexuellen und moralischen Zwängen und natürlich auch mit den Kontrollzwängen. Die Läuterung und spirituelle Reinigung, um von Schuld befreit vor Gott oder den Göttern zu stehen, finden als nicht zwanghafte Entsprechung in mehreren Religionen.


Es gibt ein Zitat Martin Luthers: „Je mehr ich mich wasche, desto unreiner fühle ich mich!“ Ist mit diesem Waschen eine spirituelle, rituelle Reinigung gemeint? Wahrscheinlich werden die meisten Lutherkenner diese Deutung bevorzugen. Aber warum fühlt er sich nach der Waschung noch unreiner?

Die Taufe ist als eine spirituelle Reinigung des Täuflings zu verstehen, damit der Täufling geläutert und frei von Schuld und Erbsünde vor Gott bestehen kann. Spirituelle Reinigungen sind auch für Pilger nach Mekka vorgeschrieben. Das Bad gläubiger Hindus im Ganges ist eine fromme Pflicht und hat sicher auch nichts mit Hygiene zu tun, weil der Ganges einer der schmutzigsten Flüsse der Welt ist. Die spirituelle Reinigung von göttlichen Standbilden mit Joghurt oder mit Butterfett finden wir ebenfalls im Hinduismus.

Viele Historiker sind sich einig, dass Luther unter Depressionen litt. Wahrscheinlich müssen wir diese Expertenmeinung dahingehend ergänzen, dass Luther mit dem oben genannten Zitat kein religiöses Ritual, sondern das Phänomen eines bei ihm bestandenen Waschzwangs beschreibt. Es gibt noch viele andere Beschreibungen Luthers, die auf weitere zwanghafte Phänomene (z.B.: Beicht- und Bekennerzwang, Anorexie) schließen lassen.

 

Zwänge entstehen im Spiegel ihres historischen Kontextes, in dem sie sich entwickeln.  Religion entwickelte sich in jeder menschlichen Kultur, wir können Religion als einen wichtigen und notwendigen Schritt der Menschwerdung verstehen, als sich unsere Vorfahren zu fragen begannen: „Woher komme ich (vor meinem Leben), wohin gehe ich (nach meinem Leben)? Vielleicht war dieser Zeitpunkt gekommen, als unsere Vorfahren begannen ihre Angehörigen rituell zu bestatten, anstatt die Verstorbenen dem Wirken der Natur zu überlassen. Neben der Bestattung waren sexuelle Fruchtbarkeit, wie zum Beispiel die Venus von Willendorf und das Jagdglück religiöse Themen.

Die heute selbstverständliche Verbindung von Sexualität, Religion und Moral entwickelte sich wahrscheinlich erst mit dem Aufkommen der großen monotheistischen Religionen und der Sesshaftwerdung vor etwa 10.000 Jahren, nachdem unsere Vorfahren das Stadium des Nomadentums überwunden hatten und begannen sesshaft Viehwirtschaft und Ackerbau zu betreiben. Mit der Sesshaftigkeit bildeten sich soziale Unterschiede in Besitz und in der gesellschaftlichen Stellung (z.B.: Führer, Krieger, Priester, Bauern) heraus. Wachsende Gemeinwesen, wie sie von Archäologen in Ägypten, Anatolien und Mesopotamien berichtet werden, führten zur Notwendigkeit von Regeln und wurden mit dem Willen Gottes oder der Götter verknüpft.

Das VI. Gebot lautet: „Du sollst nicht ehebrechen“. Dies, wie auch die anderen neun der Zehn Gebote, die Moses nach dem Alten Testament am Berge Sinai von Gott erhielt, waren im Wesentlichen dazu geeignet das Verhalten eines einzelnen Mitgliedes des Volkes Israel zu kontrollieren, um das Zusammenleben in einem großen staatlichen Gemeinwesen zu ermöglichen, dass sich nach dem Einzug in das gelobte Land bildete. „Du sollst nicht stehlen!“ als Gebot, machte bei besitzlosen Nomaden keinen Sinn. Wenn diese Nomaden in kleinen Familienverbänden umherzogen, waren Regeln für die Sexualität entbehrlich, weil Menschen, die sich von Kindesbeinen kennen, in der Regel keine sexuelle Anziehung füreinander entwickeln2.

Dies steht im Gegensatz zu vielen älteren Religionen: Der Gott Zeus in der griechischen Mythologie war für seine sexuellen Eskapaden bekannt. Die minoische Schlangengöttin tritt barbusig in Erscheinung und weist auf eine Verbindung zu alten Muttergottheiten und Fruchtbarkeitskulten früherer Epochen der Menschheit hin. Das Gleiche gilt für das Kamasutra, das dem Kreis der hinduistischen Religion zugerechnet wird, die wir mit einer Tradition von 5000 Jahren zu den ältesten Weltreligionen zählen. Die Nähe von moralischen, sexuellen und religiösen Regeln hat etwas mit der Entwicklung der Religionen in der Menschheitsgeschichte (Bildung von Staaten und Hierachien, Landwirtschaft) zu tun. Menschen mit einer Neigung zu Zwängen entwickeln aus dieser Einheit sexueller, moralischer und religiöser Regeln ein System ihrer Zwänge.

 

War Pan in der Antike noch als Gott der Hirten bei den Römern durchaus positiv angesehen, diente Pan den Christen im Mittelalter vermutlich wegen einer ihm ebenfalls zugeschriebenen „Wolllüstigkeit“ als Vorbild für den Teufel. Die Ziegenfüße und die Hörner Pans wurden eins zu eins zur Darstellung des Teufels übernommen. Die Vorstellung vom Teufel, wie die Vorstellung von der Hölle, die Luther und viele Zwangskranke auch heute noch quält, hatte sich erst spät nach der Antike im Christentum entwickelt. Vermutlich ist die Betonung von Hölle und Teufel im Christentum durch das Erleben einer Reihe von historischer Katastrophen bekräftigt worden: Der Zusammenbruch des Römischen Weltreiches, Völkerwanderung und der Heimsuchung durch mehrere Pestwellen. Schließlich entdeckte die katholische Kirche den Ablasshandel als ein sehr einträgliches Geschäftsmodell. Um sündige Christen von ihren Ängsten vor Teufel und Höllenqualen zu beschützen, konnten sich diese Menschen Ablassbriefe kaufen, was der Kirche zufloss. Um den Ertrag des Ablasshandels zu fördern wurde von den Kanzeln die Angst vor Teufel und Höllenqualen heraufbeschworen. Die Quellen im Neuen und Alten Testament liefern für die Vorstellung von Hölle und Teufel nur geringe Hinweise.

Aktuelle Kirchenaustritte, Verlust an Ansehen auf der einen Seite, politische Entwicklung, wie der Atheismus in sozialistischen Ländern und die Fortschritte der Wissenschaft und der Medizin, durch die sich viele mittelalterliche Bedrohungen heute kontrollieren lassen, führten im Spiegel der Zeit zu einer Abnahme der religiösen Zwänge.

Zwänge und Medien

Salopp lässt sich feststellen, dass Zwänge heute mit den modernen Medien unter einer Decke stecken. Gerade jetzt während der Corona-Pandemie wird erneut deutlich, dass die Medien einen Anteil an der Entstehung von Themen für Zwänge haben. Wir sehen jetzt sozusagen live und in Farbe die Entstehung von neuen Zwängen, beispielsweise, wenn Menschen beim Autofahren Mundschutz tragen, obwohl sie alleine im Auto sind, wenn sie Toilettenpapier und Konserven horten, obwohl dies bestenfalls ein magischer Schutz vor einer abstrakten, kaum greifbaren Bedrohung ist, wie sie Corona darstellt. Die Grenzen zwischen Zwängen und dem gesunden Verhalten großer Teile der Bevölkerung verschwimmen. Erste Zwänge mit dem Corona Thema kommen nun auch in den therapeutischen Praxen an, in denen bisher stets das medial sehr dominante Thema Aids dominiert hatte.

Wir haben hier schon wiederholt auf die Formel zur Motivation zur Exposition gegen Zwänge hingewiesen: „Der Zwang hält nicht, was er verspricht, sondern er führt meistens zum genau gegenteiligen Effekt!“ Diese Formel beschreibt die Beobachtung, dass z.B. Waschzwängler mit ihrem extremen Hygieneanspruch gerade durch das exzessive Händewaschen Zugangswege für Viren und Bakterien schaffen. Außerdem wirken Zwangsrituale nur kurzfristig beruhigend, mittelfristig steigt die Anspannung und damit das Verlangen nach immer mehr neutralisierenden Waschritualen. Magische Kontrollrituale beim Autofahren fordern derartig viel Aufmerksamkeit des Menschen mit einer Zwangsstörung, dass die reale Fahrsicherheit darunter deutlich leidet. Auch hier finden die Betroffenen nur eine kurze Frist der Beruhigung, mittelfristig steigt die Verunsicherung und der Bedarf nach immer mehr Kontrollritualen. Auch religiöse Zwänge fördern eher die Ferne als die Nähe zu Gott.

Luthers oben genanntes Zitat passt exakt in diese Formel des Zwanges und bildet damit eine Einheit mit vielen anderen Zwängen. Wenn Luther mit dem Händewaschen ein Abwaschen von Schuld, eine Neutralisierung von Anspannung erreichen wollte, verkehrt sich diese Absicht in zwanghafter Weise in sein Gegenteil: Je mehr er sich wusch, desto angespannter und unreiner fühlte er sich. Ich wasche mir, entsprechend den medizinischen Empfehlungen, die Hände. Die heutigen Hygienemaßstäbe bzw. die AHA- Regeln für Corona kannte Luther noch gar nicht. Menschen ohne Zwänge erleben keine Erleichterung oder ein Gefühl von Reinheit. Hierin liegt ein erster wichtiger Unterschied zwischen ungesundem Zwang und sinnvollem Ritual. Ziel von zwanghaften Ritualen ist die Spannungsreduktion.

 

Religiöse Zwänge unterscheiden sich nicht wesentlich von anderen Zwängen

Neben dem Waschzwang kennen Therapeuten auch den Zwang zu Beichten, für die Luther ebenfalls Belege liefert. Wahrscheinlich würde Luther, wenn er heute unter uns leben würde, sich als ein Mensch bezeichnen, der unter religiösen Zwängen leidet.  Vielleicht ist diese zwanghafte Art Luthers auch eine Erklärung für die kompromisslose, fanatische Art, mit der Luther seine Thesen sogar gegenüber dem Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Karl  V verteidigte. Immerhin bedeutete dieser Wiederstand eine erhebliche Lebensbedrohung für Luther.

Luther zeigte mit seinem Zitat „Hier stehe ich und ich kann nicht anders.“ dass er gegenüber dem Kaiser ausgesprochen haben sollte, dass er die reale, weltliche Bedrohung durch die Macht des Kaisers für geringer hielt, als die Bedrohung durch Gott. Der Theologe Jan Hus wurde 100 Jahre vor Luther als Ketzer verbrannt. Der Feuertod war für Luther also konkret, wogegen ja Gott eine abstrakte Erfahrung ist, die nicht direkt mit den Menschen spricht. Die Anhänger Luthers haben diese Standfestigkeit gegenüber dem Kaiser stets als ein Zeugnis des tiefen Glauben Luthers betrachtet. Alternativ schlagen wir vor, diese Standhaftlich als typisch zwanghaftes Merkmal zu sehen, weil Zwänge abstrakte, nicht real erfahrbare Bedrohungen größer erscheinen lassen, als die realen Bedrohungen. Wenn das stimmt hat Luthers Zwanghaftigkeit die Reformation ausgelöst, eines der prägendsten Ereignisse der Weltgeschichte. 

Ein Zwang kommt selten allein, daher finden wir bei den Betroffenen stets eine Vielfalt von Zwangsgedanken und Zwangshandlungen. Bei Zwangshandlungen unterscheiden wir Zwangsrituale, zwanghafte Tabus und Rückversicherungen.

Zu Luthers Zeiten gab es keinen elektrischen Strom, keinen Wasserhahn mit fließendem Wasser und kein Bewusstsein für Krankheitskeime. Viele aktuelle Zwänge waren damals unbekannt. Luther kannte wohl die in den Kirchen gepredigte Androhung von Höllenqualen und wir können davon ausgehen, dass die Zwänge des Mittelalters Aberglaube, Ängste vor Hölle, Fegefeuer, Hexen und Teufel zum Thema hatten. Niemand hatte damals die Hölle, das Fegefeuer oder den Teufel persönlich gesehen, so wie heute Corona für uns unsichtbar und unkontrollierbar ist. Gerade solche unsichtbaren und abstrakten Bedrohungen, wie Satan oder ein strafender Gott, lösen bei Menschen, die für Zwänge empfänglich sind, bevorzugt zwanghafte Ängste mit Zwangsgedanken und Zwangshandlungen aus. Die zwanghafte Reaktion auf abstrakte Bedrohung ist ein Merkmal, was wir bei sehr vielen anderen Zwängen auch finden.

Menschen mit einem religiösen Zwang haben ebenfalls Angst vor der Hölle und vor Gottes Verdammnis. Da Gott ihnen in ihren Gebeten nicht direkt antwortet, suchen Zwangskranke Erleichterung in zwanghaften Ritualen oder Tabus. Eine „Kreuzung“ wird gemieden, weil die Logik des Zwanges darin eine Blasphemie gegen das Kreuz Christi sieht, „Himbeergeist“ wäre eine Gotteslästerung gegen den Heiligen Geist. Selbstbestrafungsrituale nahe der Selbstverstümmlung, ähnlich den Flagelanten des Mittelalters, sind auch bei Menschen mit (religiösen) Zwängen möglich. Exzessives Fasten finden wir bei der Magersucht. Tendenzen zur Magersucht können wir auch auf Darstellung Luthers erkennen, die aus seiner früheren Biografie stammen.

 

Religiöse Zwänge in der Seelsorge

Ganz typisch ist es, dass Zwangskranke mit religiösen Zwängen Rückversicherung suchen bei Pastoren und Seelsorgern. Religiöse Zwänge kommen selten allein vor, sondern haben fast immer auch die bekannteren Formen des Zwanges (Waschen, Kontrollieren, Symmetrie etc.) im Gepäck, was für Seelsorger eine wichtige Unterscheidungshilfe von einer echten religiösen Fragestellung eines Gläubigen sein kann. Ein weiteres gutes Merkmal für das Erkennen von Zwängen ist, wenn Seelsorger vom gleichen Gemeindemitglied mit immer wieder der gleichen Fragestellung konfrontiert werden. Ziel dieser zwanghaften Rückversicherungen ist es, Spannung abzubauen, Verantwortung und Angst abzuwehren. Es geht diesen Menschen nicht um die Vermittlung vertiefender Erkenntnis. Da Menschen mit religiösen Zwängen intelligente Meister der Tarnung sind, verstehen sie es, ihre zwanghafte Kernfrage abzuwandeln oder hinter anderen Fragestellungen zu verbergen.

Empathischen Seelsorgern möchten wir hiermit versichern, dass sie dem als zwangskrank erkannten Gemeindemitglied nicht helfen, wenn sie die zwanghaften Fragen immer und immer wieder beantworten. Genauso wie Schnaps keine Hilfe für einen Alkoholiker ist, ist auch die Beantwortung von zwanghaften Rückversicherungsfragen keine nachhaltige Hilfe für Menschen mit einer Zwangserkrankung, sondern sie sind ein Teil des zwanghaften Problems. Menschen mit Zwängen brauchen eher eine Konfrontation mit ihren Ängsten und eine Art Entzug von Zwangsritualen und zwanghafter Rückversicherung. Die Reizkonfrontation mit Reaktionsverhinderung wird von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ausdrücklich als Therapieempfehlung der ersten Wahl bei Zwangsstörungen empfohlen.

Gesunde Tabus und Rituale

Neben den zwanghaften Formen von Tabu und Ritual gibt es natürlich auch die gesunden Varianten. Ich käme nicht auf die Idee, mich in der Öffentlichkeit nackt auszuziehen, gegenüber meiner Frau ist das aber normal. Dieses Nacktheitstabu unterscheidet uns von anderen Primaten, wie den Schimpansen, die ihr Gemächt nicht verstecken, sondern als Geste der Dominanz und Paarungsbereitschaft gerne in der Öffentlichkeit präsentieren. Mit Ausnahme des Menschen kennen die meisten anderen Primaten keine langfristige monogame, eheliche Beziehung. Primaten kennen auch keine Kleidung, die damit eher die Funktion zugewiesen bekommt das Tabu der Nacktheit zu schützen. Die Menschwerdung hat also neben der Bestattung der Artgenossen auch mit der Entwicklung eines Nacktheitstabus zum Schutz und zur Aufwertung einer exklusiven, heiligen Ehe zu tun.

Heilige Orte werden durch Rituale und Tabus in ihrer Bedeutung für alle, die sie besuchen, aufgewertet und geheiligt. Für das Betreten eines Hindutempels wird zu diesem Zweck das Ausziehen der Schuhe und das Ablegen der Oberbekleidung bei Männern verlangt. In christlichen Kirchen wäre gerade das Ablegen von Kleidung und Schuhen tabu. In beiden Fällen, sowohl durch Anziehen als auch durch Ausziehen wird Gläubigen und Besuchern die Heiligkeit dieser Orte vor Augen geführt.

Die Füße/Fußsohlen dürfen nicht auf eine Figur Buddhas gerichtet werden. Die in deutschen Haushalten zu treffende Praxis, Buddha-Figuren im Wohn- oder Badezimmer aufzustellen, kann ein gläubiger Buddhist nicht akzeptieren.

Familien, die in regelmäßigen Ritualen (z.B. Mahlzeiten, Feiern) ihre Zusammengehörigkeit feiern, vermitteln damit ihren Mitgliedern Rückhalt und seelische Gesundheit. Besondere Farben, Gewänder, Lieder zur Feier von hohen Festen (z.B. Ostern, Weihnachten…) betonen die Wichtigkeit dieser religiösen Feste.

Karneval kennt eine Reihe nichtreligiöser Rituale, die mit Tradition, Politischer Satire und unserer Alltagskultur zu tun haben. Die lustigen Rituale im Karneval bekräftigen uns bei Humor und Spaß. Das Überschreiten von Grenzen im Karneval wird in feste Rituale eingebunden und ermöglicht damit, Karneval als kalendarischen Vorgänger/Vorläufer der Fastenzeit und als Teil der bestehenden religiösen gesellschaftlichen Ordnung zu betrachten.

 

Die Grenzen zwischen gesunden und ungesunden Ritualen/Tabus

Die eigentlich gesunde und stabilisierende Wirkung von Ritualen und Tabus findet in der Zwangsstörung eine krankmachende Übertreibung und Pervertierung:

Zwanghafte Rituale und Tabus führen nicht zu einer Heiligung, sondern der Wunsch nach Sicherheit und Kontrolle wird nur sehr kurzfristig erfüllt, dafür wird die Angst und Verunsicherung nachhaltig gesteigert.

Gesunde Rituale (Taufe, Kommunion, Einschulung, Karneval, Firmung, Beerdigung …) finden meist in der Öffentlichkeit statt und dienen u.a. der Kommunikation von Zusammengehörigkeit bzw. der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft des Glaubens oder einer anderen Gemeinschaft. Zwangsrituale werden stets in Isolation ausgeführt. Zwangsrituale fördern das Gefühl der Einsamkeit, anstatt die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft zu unterstützen. Viele Menschen mit religiösen Zwängen verlassen ihre angestammte Glaubensgemeinschaft und üben ihre Zwänge in einer Isolation aus oder suchen Anschluss in einer radikaleren Glaubensgemeinschaft. Es ist für Menschen mit religiösen Zwängen empfehlenswert die Anbindung an eine gemäßigte, weltoffene Glaubensgemeinschaft zu suchen, die gesunde Maßstäbe vermittelt und die Abwendung von Isolation und Radikalität.

Gesunde Rituale markieren und fördern Entwicklungsabschnitte, während wir in der Biografie Zwangskranker einen Stillstand beobachten. Erwachsene Menschen mit Zwängen leben in engen Abhängigkeitsbeziehungen, manchmal auch sogar lebenslang bei ihren Eltern. Entwicklungsaufgaben (Auszug, Dating, Führerschein, Nestbau, Partnerschaft etc.) werden unvollständig oder gar nicht erfüllt.

Gesunde Tabus und Rituale haben klare zeitliche und örtliche Grenzen, (z.B. Fasten- und Abstinenzgebot vor der heiligen Kommunion), während Zwänge zu einem Exzess und einer grenzenlosen Übergeneralisierung führen. Die Fastenzeit der Christen endet mit Ostern, der Ramadan der Moslems endet mit dem Zuckerfest. Magersucht, eine Zwangsspektrumsstörung, ist ein grenzenloses Fasten schlimmstenfalls bis zur völligen Selbstzerstörung und zum Tod.

Menschen mit Zwängen zeigen ein hohes Maß an Selbstentfremdung und Passivität. „Ich bin geheiratet worden. Die Liebe meines Lebens habe ich nicht gefunden!“ – „Ich habe meine Arbeit nie gemocht, mir liegt überhaupt nicht, was ich da tue!“ sind typische Zitate aus dem Mund der Betroffenen einer Zwangsstörung.

 

Neben der Reizkonfrontation mit Reaktionsverhinderung ist die Verbesserung des Selbstbewusstseins im Sinne der Wahrnehmung eigener Fähigkeiten und Bedürfnisse die zweite Säule in der psychotherapeutischen Behandlung der Zwangserkrankungen. Martin Luther fasziniert in seiner Fähigkeit sich selbst völlig neu zu erfinden. Er überwand die Entfremdung und Dominanz seines Vaters und der zu seiner Zeit geltenden theologischen Meinung. Der Vater hatte ihn gezwungen Jura zu studieren, was Luther sogar bis zur Promotion erfüllte. Luther folgte dann aber schließlich doch seiner inneren Berufung und wurde Augustinermönch und wiedersprach dem Willen des Vaters. Später heiratete Luther als Mönch sogar die entlaufende Nonne Catharina von Bora. Aus katholischer Sicht wurde dies als eine doppelte Todsünde verurteilt. Aus moderner verhaltenstherapeutischer Perspektive würden wir bei Luther hier von einem vorbildlichem Flooding, einer massiven Reizkonfrontation sprechen. Neben vielen historischen Veränderungen, die er dabei in Gang setzte, fand er damit vor allem für sich selbst einen Weg aus seiner Zwangserkrankung.

 

Fazit

Irgendwann begann unsere Art Homo sapiens im Prozess der Menschwerdung über das Prinzip des „Fressen und Gefressen werden“ hinauszutreten. Es entwickelten sich überall Kulturen mit Religionen, deren zunehmende Betonung auf Regeln in Bezug auf Moral und Sexualität wohl durch die Sesshaftigkeit, Besitz und durch die Bildung von hierarchischen Gemeinwesen unterstützt wurde. Gegenstände, Orte und Gottheiten erhielten eine heilige Bedeutung, die durch Tabus und Rituale in einer Gemeinschaft kommuniziert wurden und für die zunehmend komplexer werdenden sozialen Gebilde identitätsstiftend waren. Exzess und fehlende Grenzen und vor allem die Einsamkeit, die fehlende Einbindung in eine Gemeinschaft machen aus Tabu und Ritual eine Zwangsstörung. Religiöse Zwänge sind sexuellen, aggressiven und moralischen Zwängen viel ähnlicher als es den ersten Anschein hat. Wir können also auch hier die gleichen Behandlungsprinzipien Achtsamkeit, Medikation und vor allem Exposition anwenden, wie wir es bei allen anderen Zwängen empfehlen. 

 

Burkhard Ciupka-Schön, Hartmut Becks, (2017) Himmel und Hölle – Religiöse Zwänge bewältigen. Patmos Verlag

 

Norbert Bischof, (2020) Das Rätsel Ödipus - Die biologischen Wurzeln des Urkonfliktes von Intimität und Autonomie,Verlag: Psychosozial-Verlag

 

 
 
 

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